Bemerkenswert

Ein Essay über die ZEIT und Geld und Sucht und Zeit und natürlich über Liebe

Weihnachten steht vor der Tür, und mit ihm Tage der Besinnung. Oder doch wieder nur des besinnungslosen Konsums? Ich bin mir nicht mehr sicher. Dieser Essay handelt von solchem Handeln, man könnte ihn auch als Manifest verstehen, mit dem ich konstatiere: Mein Lifestyle ist geiler als deiner!

 

Vor kurzem ist bei der ZEIT ONLINE Arbeit ein Artikel mit einem seltsam vielversprechenden Titel erschienen. „Ich bin süchtig nach Geld“, ein Zitat deshalb, weil es sich bei dem Text um ein Interview mit Berufseinsteigern handelt, die sich darin mit ihrer Einstellung zu Geld befassen. Ich finde, das klingt zunächst sehr interessant; allein die Überschrift lässt eine Entrüstung, die ihresgleichen sucht, in mir aufsteigen. Im Folgenden möchte ich diesem gutbürgerlichen, möglicherweise kapitalistisch verblendeten Auswuchs unserer Gesellschaft in einem Bericht der sonst doch etwas linken ZEIT ONLINE meinen bisherigen, vielleicht naiven Lebensentwurf gegenüber stellen, wobei zu beachten ist, dass mir mein Wohlergehen um ein Vielfaches wichtiger ist als mein Wohlstand – auch wenn das eine nicht ganz ohne das andere auskommt.

Wozu Freizeit ohne Geld?

Ich lebe nämlich wie die meisten Menschen in Deutschland in einer Blase; jedoch nicht in einer sächsischen, die weitgehend ohne Ausländer, dafür mit viel Hass auskommt, sondern in einer studentischen, in der die meisten Leute der Freizeit gleich oder gar mehr Wert beimessen als dem durch Einsatz von Freizeit verdienten Geld. In dem Studentenwohnheim, wo ich nun schon seit drei Jahren lebe, lernen viele ihre Freizeit auch ohne Geld zu schätzen, und meine arbeitenden Freunde beneiden uns schon mal darum. Viele Bekannte aber fragen: Was will ich mit Freizeit, wenn ich sie nicht nutzen kann? Ich habe ja dann kein Geld?

 

Philipp, 26, braucht jedes neue iPhone sofort

 

Ähnlich wie diesen Bekannten geht es auch Philipp, 26 Jahre alt und der Erste, der der ZON Arbeit sein Verhältnis zu Geld schildert. Philipp arbeitet als Finanzdienstleister und kennt sich somit gut aus mit Finanzen und der Wirtschaft. Wer nun besondere Weitsicht bezüglich seines Umgangs mit Geld erwartet, wird dennoch schwer enttäuscht werden: Dieser junge Mann erlaubt sich mit „mehr Geld mehr Freiheiten“, er zählt auf: einen Riesenfernseher, jedes neue iPhone (das brauche er sofort), Spontanflüge in die USA, „vorrausgesetzt, ich bekomme Urlaub.“ Daran hapert es ja meistens, wenn man sehr viel Geld verdient: Man hat keine Zeit mehr, es auszugeben. Diesen Gegensatz von mehr Freiheit und zu wenig Freizeit zur Auslebung selbiger löst Philipp gekonnt auf mit der Aussage, dass er mehr Geld immer mehr Zeit vorzöge – dabei war die Einsicht ja schon da, dass er es dann noch seltener ausgeben kann. Ich kann diese absurde Überzeugung nicht nachvollziehen, der Artikelname ist Programm. Philipp ist süchtig nach Geld: Seinem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.

„Ich will aber!“

 

Diese Sucht bezieht sich jedoch nicht direkt aufs Geld, sondern vielmehr auf den Konsum: „Irgendwann ist man eben auf einem Level angelangt, da braucht man dann die dritte Jacht, weil man Bock drauf hat.“ Braucht man? Braucht ein Kind den Schokoriegel an der Kasse, weil es „Bock drauf hat“? Auf den Vergleich mit einem quengelnden Kleinkind kann ich nicht verzichten, sagt Philipp später über das ständige Mehr an Luxus: „[A]ber ich will es haben.“

 

Ich will nie so reich sein, wie unser Philipp es ist; man sieht ja, wie unsozial Superreiche sich in ihrem Bestreben ihren Reichtum größer, höher und weiter anzuhäufen verhalten, an den zahllosen Skandalen in Gegenwart und Vergangenheit, für die sie scheinbar skrupellos sorgen. Unsozial, wenn es das trifft, vielleicht aber auch vielmehr sozial wenig interessiert, da finanziell überengagiert ist auch Philipp bereits. Ihm ist mehr Geld generell wichtiger, als dass er mit seinen Kollegen und dem Chef gut auskommt, für mehr Gehalt nimmt er jedes noch so abscheuliche Arbeitsklima in Kauf. Auf Schöndeutsch: Philipp würde ohne Weiteres seinen Arsch an Arschlöcher verkaufen.

 

Sucht Sucht Freunde aus?

 

Zudem müssen seine Freunde das Potential haben sich finanziell zu entwickeln. In meinen Augen ist das Wahnsinn. Was ich hingegen als normale Anforderungen für Freunde betrachte: Sie sollten mich gut leiden können und ich sie auch. Ähnlicher Humor ist ebenfalls von Vorteil. Ich möchte damit nicht darstellen, was für ein unglaublich guter Mensch ich bin, denn das bin ich nicht. Ich möchte auch nicht sagen, dass Philipp sein Leben mit Sicherheit falsch führt, auch wenn es mir schwer fällt zu glauben, dass man so glücklich sein kann – und das Glücklichsein ist für mich die Hauptsache. Für Philipp ist sie eher die Illusion des Irgendwannglücklichwerdens. Sein Ziel ist offensichtlich Reichtum, der immer wachsen soll. „Ein Wahnsinnsgefühl, dieses Mehr. Dass es beim Reichtum kein Limit gibt,“ ist meines Erachtens ziemlich schlimm, aber was soll’s. Viel problematischer ist für Philipp, dass er für sein Glück immer mehr von etwas braucht. Wenn man so gesehen seinen (Kauf-)Rausch immer steigern muss, um froh zu sein, dann kann man auch mit Heroin glücklich werden und am Ende völlig zugeballert sterben. (Einziges Problemhierbei: gutes Heroin ist wiederum teuer.) Es ist dann auch wichtig, dass die Freunde gern Heroin nehmen wollen, zusätzlich zu finanziellem Potential benötigen sie jetzt eben Sucht- und Kriminalitätspotential, um die Analogie zu Philipps Konsumproblem mal zu verdeutlichen.*

 

Anna, 26, will es zeigen – aber wem eigentlich?

 

Ganz so verkorkst ist Anna, Kandidatin Nummer zwei im besprochenen Artikel, nicht. Sie ist ebenfalls 26 Jahre alt und arbeitet als Floristin, nennt sich aber „Floral Artist“, damit junge, abgehobene Paare, beeindruckt von dieser englischen Berufsbezeichnung – die beiden sind vermutlich „Manager of Public Relations“ und „Economic Leadership Coach“ –, ihre Dienste besser entlohnen. Anna will zeigen, dass sie es geschafft hat – mit einem nagelneu glänzenden Mercedes und einzelnen Outfits im Wert von jeweils mehreren Hundert Euro. Ihrem Sohn versucht sie aber selten teures Spielzeug zu kaufen, von dem sie zugibt, dass es nach zwei Tagen in einer Ecke liegt, vergessen, traurig und einsam, und predigt Dankbarkeit. Dass kleine Kinder zunächst durch Nachahmung und nicht so sehr durch Erziehung geprägt werden, scheint ihr entfallen.

Ich will vor allem wissen: Wem will Anna es zeigen? Sie selbst weiß ja, dass sie es geschafft hat, denn sie kann es in ihrem Zuhause, auf ihrem Konto, vielleicht in den Augen ihres Kindes sehen. Sie möchte es aber nach außen hin präsentieren; sie möchte von anderen aufgrund ihrer finanziellen Situation beurteilt werden. Vermutlich hält sie das sogar für unumgänglich, haben doch ihre Eltern, obwohl sie wenig Geld hatten, ihr Haus zu Prestigezwecken behalten anstatt sich die vermeintliche Blöße zu geben in eine günstigere Wohnung umzuziehen und möglicherweise ein finanziell wie allgemein entspannteres Leben zu führen.

 

Ein jeder hat sein Kindheitstrauma

 

Meine Kindheit hat mich in Sachen Geld ebenfalls erheblich geprägt, nehme ich an: Wir hatten keine Kohle und ich habe immer ein bisschen scheiße ausgesehen in meiner abgetragenen Kleidung, die über zwei Cousinen und eine Schwester weitergegeben worden war, bevor man sie mir übergestülpt hat. Obwohl ich eigentlich zu spät dafür geboren bin, habe ich mit 10 Jahren noch Schlaghosen getragen. Ich kann Annas Scham und ihren Unwillen ihr Geld nicht zu zeigen also ein Stück weit nachvollziehen. Irgendwann aber hat mir dieser Umstand des Nichtalleshabenkönnens beigebracht, dass man sich individuell und schön gestalten kann. Ein bisschen waren das allerdings auch die Ärzte, die mir, aufgenommen mit der Muttermilch, vermittelten:

 

„Ich bin nicht arm – ich hab, was mir gefällt. Ich bin nicht neidisch auf dich oder dein Geld. Herzlich willkommen in meinem Lebenslauf.“

„Ich bin nicht hässlich; ich seh nur anders aus als du.“

 

 

 

 

Wie aus Mangel Weisheit wurde

 

Wir hatten keine große Bude, und damit meine Schwester und ich zumindest je ein eigenes Zimmer haben konnten, hat unsere Mutter im Wohnzimmer geschlafen.Während meine Klassenkameraden aus gutbürgerlichem Mittelschichthause Markenprodukte gegessen, getragen, konsumiert haben, so habe ich – Danke, Mama! – recht früh den Sinn davon hinterfragt mehr Geld für ein Logo auszugeben; heute weiß ich, dass Nutella aus billigem und umweltschädlichem Palmfett hergestellt wird, sodass ich mein Geld, wenn ich zu viel habe, auch in Ökoalternativen aus halbwegs regionaler und fairer Herstellung investieren kann, oder, dass ich, falls mir wirklich wenig Geld zur Verfügung steht, auch billige Alternativen verwenden kann. Der von Ferrero viel gepriesene einzigartige Geschmack ist hier wie bei vielen Markenprodukten ausschließlich Gewöhnungssache. Ich weiß mittlerweile auch, dass renommierte Textilhersteller, deren Werbung in Form von Pullis und Shirts mit Schriftzug oder Streifen man als „Cool Kid“ auf dem Schulhof unbedingt tragen muss, anderswo Kinder ausbeuten.

 

Liebe macht reicher als Geld

 

Ich muss niemandem etwas zeigen; meine Eltern sind bestimmt stolz auf mich, weil ich „was Anständiges“ studiere. Tatsächlich wollte ich aber als Kind Floristin werden, so wie Anna, und ich bin mir sicher, das hätten sie ebenfalls stolz mit angesehen. Drum möchte ich Anna am liebsten sagen: Du hast es doch geschafft! Zeig es dir und deiner Familie, gern auch deinen Freunden oder Fremden, indem du euch etwas Gutes tust. Dazu benötigt man nicht unbedingt Geld, sondern Zeit und Liebe. Die sind ja zum Glück immer noch umsonst und bringen einen Reichtum, der mit Gold nicht aufzuwiegen ist.

 

Mein Reichtum ist deine Normalität

 

Ein wiederum etwas anderes Maß für Reichtum hat Christian. Er hat mit seinen dreißig Jahren an Alter und seinem Job in der Automobilbranche noch keine Million zusammen und betrachtet sich deshalb nicht als reich. Diese erste Aussage finde ich in der globalisierten Welt, in der fast alle Deutschen über materiellen Reichtum verfügen, unangebracht; Christian könnte ruhig mal seine Prioritäten überdenken und eine Runde über den eigenen Tellerrand schauen. Mir ist klar, dass meine persönliche Grenze von Reichtum da liegt, wo bei anderen erst die Normalität beginnt, aber ich denke, ich fahre ganz gut damit. Wieder ist das sicherlich auch meiner Kindheit und nicht meinem Intellekt oder einer ersponnenen moralischen Überlegenheit zu verdanken. Früher habe ich alle meine Freunde als reich angesehen, weil sie in Einfamilienhäusern in Neubaugebieten gelebt haben, denn mir war so etwas bis dahin unbekannt. Auch heute bezeichne ich daher den in Deutschland gewohnten Wohlstand gern als Reichtum: Immerhin hat nahezu jeder hier ein Dach und fließend warmes Wasser und genügend Essen zum Wegwerfen sowie einen Taschencomputer, der quasi alles kann und alles ersetzt.

 

Aber Christian kratzt die Kurve: Neben sinnfreien Anschaffungen wie Kopfhörern für 350 Euro – „Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss schon stimmen“ – gibt er auch Geld für bessere Lebensmittel und kostenlose Dienste wie die Wikipedia aus, die er für unterstützenswert hält. Ich denke, Christian hat seinen Reichtum eigentlich doch erkannt, nur möchte er ihn nicht beim Namen nennen, sei es aus Scham oder aus Angst vor Neid. Viel wichtiger ist aber, was er daraus für sich ableitet und wie sein, nennen wir es Christian zuliebe Wohlstand, sein Handeln und seinen Konsum bestimmen.

 

Nicht nur Christen können Nächstenliebe

 

Seinen Reichtum zu erkennen und daraufhin auch andere, die weniger haben, daran teilhaben zu lassen ist Teil aller Weltreligionen. Doch auch wer wie ich nicht religiös ist, hat im Alltag jede Menge Gelegenheit dazu. Mein Freund zum Beispiel gibt jedem Obdachlosen, dem er begegnet, Geld und ein Gespräch oder er kauft etwas für ihn ein. Seine Begründung könnte einfacher nicht sein: „Es hätte auch mich treffen können, alles ist Zufall.“ In Religionen, die an die Wiedergeburt glauben, sagt man stattdessen: „Das könnte deine verstorbene Großmutter/dein zukünftiger Enkel sein“, das Prinzip bleibt dasselbe. Dieser von Demut geprägten solidarischen Philosophie versuche auch ich zu folgen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Der größte Gegner hierbei heißt Angst und er verleitet schnell zu Missgunst oder zum Wegsehen, wo niemand gern hinschauen möchte.

 

Auch in der Erziehung gilt: Zeit ist wichtiger als Geld

 

In gewissem Maße scheint die Angst auch Christians Beziehung zu Geld zu beeinflussen: Er nennt zuletzt Sicherheit, Rente und Kinder als größten Anreiz zum Geldverdienen. Das ist ein valides und vor allem verständliches Argument. Dennoch sollte man meiner Meinung nach, gerade wenn man Kinder hat, mehr Zeit und Aufmerksamkeit als Geld in sie investieren. Was ansonsten geschehen kann, ist unter anderem hier, aber auch sonst sehr viel auf Youtube und sozialen Medien zu sehen, wo Kinder mit guten, teuren Kameras die peinlichste Zeit ihres Lebens festhalten um, wenn nicht die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, so doch wenigstens die fremder Personen im Internet zu ergattern.

 

YOLO, das bedeutet: „You only live once!“

 

Lydia Krüger hat sich in ihrem Blog Büronymus mit demselben Thema befasst und kommt ebenfalls zu dem Schluss: Zeit ist wichtiger als Geld. Spannend finde ich, dass viele dies irgendwann realisieren, man aber niemanden findet, der umgekehrt vorher eine „viel Zeit“-Lebensphilosophie vertrat und plötzlich Geld als wichtigstes Gut seiner Existenz ansieht. Einige „viel Geld“-Anhänger werden nun empört schimpfen, dass man eben faul wird, sobald man weniger arbeitet, und schwache Gemüter diese Faulheit dann nicht mehr überwinden können; zum Problem der Faulheit in der Freizeit werde ich am Ende des Textes zurückkehren. Lydia Krüger schreibt in ihrem Blogpost „Zeit ist das neue Geld“, dass der bereits vorhandene Wohlstand, in den wir hineingeboren werden, und unsichere Renten sie dazu bewogen haben, Geld nicht mehr so wichtig zu nehmen, frei nach dem Motto „YOLO“, dem bedauernswert hohl klingenden Mantra meiner Generation. Zudem zitiert sie Nietzsche, der sagt: „Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave.“ Zählt man zur täglich verfügbaren Zeit den Schlaf hinzu, so passt die Vierzigstundenwoche noch in unseren Rhythmus ohne uns zu versklaven. Krüger zieht aber acht Stunden für Schlaf ab und schließt: „Nietzsches Arbeitswoche wäre eine 25h-Woche.“

 

Mehr Fokus im Sechsstundentag

 

Von Nietzsches Fünfundzwanzigstundenwoche hat man bisher zwar noch nichts mitbekommen, aber der Sechsstundentag ist ein Phänomen, über das sogar hiesige Medien ab und zu vorsichtig munkeln. Es darf dabei aber nicht um das Wohlergehen von Arbeitnehmern gehen: Stattdessen ist man auf der Suche nach einer Leistungssteigerung oder einer Kostenersparnis, wobei die beiden effektiv dasselbe sind. Mit dem Sechsstundentag kassieren schwedische Unternehmen beispielsweise bereits echte Vorteile. Ihre Mitarbeiter seien fokussierter, sagen sie. Mir erscheint das nur logisch, denn nach fünf Stunden fokussierten Lernens, Denkens und Rechnens ist bei mir auch die Luft raus. Ich höre dann auf, denn ich werde ja nicht dafür bezahlt; geforderte Arbeitnehmer mit Achtstundentag verlagern ihre Aufmerksamkeit dann eben weg von Aufgaben, die echte Konzentration erfordern, und hin zu aufmerksamkeitsziehenden Medien wie dieser Plage, die sich Facebook nennt. Genau dem scheinen die Schweden erfolgreich entgegengewirkt zu haben.

 

Nur Hokuspokus mit dem Sechsstundentag?

 

Der stern jedoch hat einen Artikel veröffentlicht, der sich mit der Einführung des Sechsstundentags in einem Altenheim beschäftigt. Dabei seien die Krankheitstage des betroffenen Personals kaum reduziert worden oder gar vermehrt aufgetreten. Dass Pflegepersonal weniger gestresst ist und plötzlich seltener krank wird, weil sie weniger Zeit mit ihrer wichtigen Arbeit mit Menschen verbringen, kann aber kaum jemand glauben. Nur, wenn zusätzlich genügend Personal angestellt wird, kann der Stresslevel der Angestellten effektiv gesenkt werden. Genügend bedeutet hierbei keinesfalls, dass nur der Status quo erhalten werden soll, sondern eine echte Besserung der Bedingungen durch mehr Pfleger pro Patient.
Bei OP-Personal, so stern.de, habe sich allerdings eine Verbesserung erwirken lassen: Weniger Stress führe zu weniger Kündigung, diese zu weniger Einarbeitung neuen Personals. Die gesparte Zeit und das dadurch gesparte Geld kommen dann dauerhaft den Angestellten zugute. Da dieser Vorteil in messbaren Zahlen vorliegt, kann man ihn nicht von der Hand weisen, dennoch bezeichnet der stern das Projekt Sechsstundenwoche mit seinen verschiedenen Versuchen als insgesamt gescheitert.

 

„Die Kosten wiegen schwerer als die Vorteile.“

 

Auch DIE WeLT berichtet nichts, was Hoffnung keimen ließe. „Zu teuer“, sage die Wirtschaftsagentur Bloomberg, „die Kosten wiegen schwerer als die Vorteile.“ Das lässt sich als Wirtschaftsagentur natürlich leicht so sagen, geht es ja hier um Menschen und deren Wohlergehen und nicht um Banken und Wohlstand. Dass mögliche Vorteile der Sechsstundenwoche sich nicht ausschließlich und schon gar nicht sofort in Geldbeträgen messen lassen, wird von Finanzfuzzis geflissentlich übersehen. Einen kleinen Lichtblick gibt es aber doch: die schwedische Linke fordert Studien über langfristige Vorteile der Sechsstundenwoche. Ich für meinen Teil warte das nicht ab, denn ich bin überzeugt, dass mehr Zeit mehr Mehr ist als mehr Geld.

 

Der Traum vom Hippiedorf

 

Das Problem, das sich nun in unserer Gesellschaft für Leute derselben Einstellung ergibt, ist ein wenig paradox: Finanziell unabhängig kann nur werden, wer vorher über Geld verfügt. Ohne Moos: nix los. Der einzige Lösungsvorschlag, der meine Freunde und mich mit dem Leben in diesem grässlich luxuriösen und dennoch unfreien Umfeld versöhnt, ist bisher ein Traum, der Traum vom Hippiedorf. Was naiv bis unmöglich klingen mag, ist sicher zu schaffen, wenn man trotz wenig Lohnarbeit nicht faul ist. Als Ingenieure und Gärtner möglichst autark auf dem Land zu leben, möglichst ohne Luxus, den man nicht selbst schaffen kann, jedoch gelegentlich mit eingekaufter Fairtradeschokolade, ist eine Vision, die mir Trost spendet inmitten all der erfolgs- und konsumorientierten Philipps, die auch an der Uni leider zuhauf unterwegs sind. (Sie sind dabei aber so zielstrebig, dass sie auch pünktlich nach sechs Semestern Regelstudienzeit wieder weg sind.)

 

Das Gewohnheitstier Homo sapiens

 

Viele werden fragen, ob ich denn nicht auch glaube, dass mir etwas fehlen wird, später, in meinem einfachen Leben, von dem ich so gern träume. Ich denke aber, der Mensch gewöhnt sich an alles. Ich gewöhne mich daher lieber an einen, so könnten Dauerkonsumierende sagen, armen und langweiligen Lebensstil und finde Freude an relativ einfachen Dingen, als an einen teuren und extravaganten, bei dem das Gewohnheitstier Homo sapiens mehr und mehr Geld benötigt um seine vermeintlichen Bedürfnisse dauerhaft stillen zu können.

Den Bekannten, zu Beginn erwähnt, die fragen, was ich denn anstelle mit meiner Zeit, wenn ich doch kaum Geld habe, erzähle ich dann eben, was ich so tu in meiner freien Zeit, also in der, die nicht fürs Studieren drauf geht:

 

  • einen neuen Arbeitskreis in meinem Wohnheim für solidarische, ökologische Landwirtschaft gründen,
  • viel lesen,
  • raus gehen, spazieren gehen, eislaufen, Inline skaten,
  • Bücher und Kleidung aus zweiter Hand einkaufen, was spannender ist, als das H&M-Kunstsoffartikelregal zu plündern um hinterher auszusehen wie jedes beliebige Konsumopfer,
  • malen (direkt an die Wand; das spart Leinwand und sieht schick aus),
  • schreiben, und im Verlauf dessen manchmal zwei Stunden ins Internet versieben,
  • manchmal mit einer besonders guten Serie Zeit totschlagen,
  • meditieren (seit neuestem),
  • Tanzkurs, der an der Uni von Ehrenamtlichen umsonst angeboten wird.

 

Ehrenamt im studentischen Umfeld spielt dabei eine wichtige Rolle; sonst hätte ich sicher nicht die Möglichkeit, so viele tolle Sachen und vor allem Erlebnisse umsonst mitzunehmen. Ich bin dafür sehr dankbar. Denn wer gibt, der wird bekommen. Engagement ohne Bezahlung, die keine Lohnarbeit ist, nimmt einen erheblichen Teil meiner Zeit ein. So viel zur Faulheit der Arbeitslosen. 😉

 

Zum Schluss ein letzter Satz für die Realisten, die diesen Text dennoch zu Ende gelesen haben: Ich weiß durchaus, dass man Geld braucht um in unserer Gesellschaft zu überleben, auch oder gerade sozial, aber man kann mit Geld umgehen ohne ihm einen (Stellen-)Wert einzuräumen, den es nicht hat und vielleicht auch nicht unbedingt haben sollte.

 

 

Sollte dieser Text weltanschaulich halbwegs gefallen oder zumindest zum Nachdenken angeregt haben, so empfehle ich als weitere Lektüre Momo, ein Kinderbuch, das ich hier in naher Zukunft rezensieren, interpretieren und wärmstens empfehlen möchte – auch, falls noch ein Weihnachtsgeschenk für eure Liebsten fehlt – von Michael Ende, der übrigens leider tot ist und der diese Werbung, die ich hier aus reinster Überzeugung mache, wirklich nicht mehr braucht.

 

*(Ich will hier auf keinen Fall die Heroinsucht verharmlosen. Es ist mir lediglich ein Anliegen mithilfe dieser hoffentlich deutlichen Überspitzung und des Vergleichs die Beklopptheiten des unbedachten Dauerkonsums aufzuzeigen.)

Wer früh im Sport sich übt,

und dabei im falschen Land wohnt, der kann erhebliche Schäden davontragen. Die Rede ist vom Doping in der DDR.

ZEIT Online hat heute einen Artikel über die Dopingopfer Ostdeutschlands drin. Der Artikel (Vergiftet von der DDR) legt den Fokus auf die Spätfolgen von Doping. Diese sind zahlreich und daher erschreckend, ich jedenfalls habe mich kaum mehr eingekriegt: bereits Zehnjährigen wurden Hormone, Steroide und wer weiß, was noch*, verfüttert. Dass so junge Sporttalente die Fürsorge ihrer Trainer und Ärzte nicht hinterfragen, wundert dabei wenig. Dennoch quälen sich viele der Opfer heute noch mit Schuld- und Schamgefühlen.

Ironie des Schicksals

Wie es das ironische Schicksal heute wollte, habe ich eine Sendung voll Unsinn erhalten, den ich mir auf Ebay ersteigert hatte. Unter Anderem enthielt mein Paket ein Liederbuch aus der DDR. Ich habe viel Interesse am Heimatland meiner Familie, die oft betont, dass ja „ooch nich allet scheiße jewesen war“**. Das ist sicher wahr.

 

DDR Sport 1
Strophe zwei von „Wer früh sich im Sport übt“: der blanke Hohn

Trotzdem war ich beinahe verstört, als ich die Kinderlieder, die ich mir da bestellt habe, angesehen habe: Viele enthalten offensichtliche Propaganda, zum Beispiel ist nicht einfach vom Traktor die Rede, nein – es muss der Traktor der LPG sein. Am schlimmsten war allerdings ein Lied, das geradezu subtil die Ziele der DDR-Propaganda verfolgt: Wer früh sich im Sport übt. Man könnte das Ganze auch als den Versuch einer guten Erziehung verstehen. Aber spätestens die zweite Strophe (s. Bild) kann heute nur noch als Hohn gegenüber den damals gedopten Kindern empfunden werden.

Das wars auch schon. Da ich zurzeit nicht wirklich zum Schreiben komme, dachte ich, an diesem kuriosen Fund lasse ich euch teilhaben.

Wer noch mehr seltsame DDR-Kinderlieder kennt, der melde sich gern in den Kommentaren (auch wenn ich nun ein kleines Arsenal besitze). Freundschaft! 😉

*Viele Substanzen sind auch heute nicht bekannt. Andere sind bekannt, jedoch nicht als Arzneimittel zugelassen.
**Nein, nicht alle in meiner Familie sprechen so. Nur die, die nich in Westen jemacht ham.

Wir gegen AfD-Zensur: Über ein bizarres Gerichtsurteil

Nathan Mattes betreibt die Website Wir sind AfD, auf der er echte Zitate der Partei zusammenstellt. Diese sind rassistisch, menschenverachtend – und echt.

Dagegen hat die AfD nun geklagt und Recht bekommen. Nathan würde gern Berufung einlegen, denn das Gericht hat wohl sein Recht auf freie Meinungsäußerung übersehen. Die Website enthält nur echte Zitate, von Diffamierung kann man wohl kaum sprechen, von Zensur seitens des Gerichts sowie der AfD schon.

Der Gang vors nächsthöhere Gericht ist allerdings ganz schön teuer. Allein wird er es wohl nicht schaffen. Wer ihn dabei unterstützen möchte, kann das tun. Den Spententopf dafür findet ihr hier. Da mir als Studentin nur begrenzt Mittel zur Verfügung stehen, rufe ich auch euch auf, dem armen Kerl zu helfen, wie er auch uns, der Gesellschaft versucht zu helfen. Wären meine Mittel unbegrenzt, ich hätte die Prozesskosten bis zum Bundesverfassungsgericht übernommen. Auch, weil ich mir sicher bin, dass sie ihm dort Recht geben (müssen).

Alle nützlichen Infos zum Thema habe ich im Text verlinkt. Die Sache darf und soll gern geteilt werden! 🙂

Wie mein Geburtstag die Welt rettet

Das ist die postgeburtstägliche Variante des Montagsmülls. Eigentlich wollte ich nur mal wieder nicht raus gehen.

 

Vergangene Woche habe ich meinen Geburtstag feiern dürfen. Da die Geschenke in diesem Jahr nicht nur gewohnt super, sondern auch gutmenschengeeignet ausgefallen sind, möchte ich euch gern daran teilhaben lassen. Damit wir nicht uns beschenken, indem wir die Erde beklauen.

 

Viel Geschenk, wenig Verpackung

 

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Zu viel Geschenk, zu wenig Bock: Alles in eine Kiste geschmissen sieht auch gut aus.

Man kann Geschenke toll verpacken und ich finde, man sollte das auch tun. Krasse Ökovarianten wie Packpapier oder alte Zeitung können was hermachen, wenn man sich geschickt anstellt. Wer dazu keine Lust hat oder zu viele Geschenke um alle einzeln einzutüten, der kann sich mit Geschenkkartons behilflich sein. Die kann der Beschenkte, in diesem Fall ich, wieder- oder weiterverwenden oder zurückgeben. Auch das Geschenkpapier, das ich bekommen habe, habe ich natürlich gefaltet und bewahre es nun sorgsam auf.

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Selbst gemachte Nudeln, getrocknet und im Glas

Auch einzelne Geschenke sind häufig schon in Karton oder Plastik vorverpackt. Diese lassen sich dann besser nochmal schön verpacken, viel Sinn ergibt das allerdings nicht. Dagegen hilft: Unverpackt einkaufen oder gleich selbst machen. Auch aus diesen Rubriken wurde ich reich beschenkt: Meine beste Freundin hat nicht nur Pesto, sondern direkt noch Nudeln dazu hergestellt und alles in Gläsern abgepackt. Besonders erfreulich ist für mich, dass ich die Gläser, wenn ich sie leer habe, weiterhin zum Einmachen oder Einkaufen nutzen kann. Auch einfache Backmischungen und „Fertiggerichte“ lassen sich übrigens so wie hier selbst herstellen und in Gläsern verschenken.

 

 

 

Zuletzt habe ich mir Unverpacktes auch selbst geschenkt: Im veganfreundlichen Kosmetikgeschäft Lush dachte ich mir, ich könnte mir mal was Gutes tun, denn meine Kopfhaut ist derzeit ein wenig gereizt von erst zu viel, dann angeblich zu wenig Zuneigung und Pflege. Um da mal wieder ein Gleichgewicht reinzubringen, habe ich mir dann ein festes Shampoo mit Ringelblume gekauft. Sicher kostet das mehr als jedes Shampoo sonst, aber es ist mein fucking birthday – das kann man sich mal gönnen.

 

 

Gebraucht, Erlebt, Gleich weg

 

Gebrauchtes ist immer eine gute Alternative zu Neuem. Besonders, wenn man gern und häufig Bücher geschenkt bekommt. Ich habe seit meinem Geburtstag fünf neue Bücher, wobei nur eines davon tatsächlich neu ist – und dann auch noch so neu, dass man es gebraucht gar nirgends findet.

 

Schön sind außerdem Geschenke, die nicht so materiell daherkommen. Nicht, weil sie umsonst waren (schön wär’s!), sondern, weil man sie nicht anfassen kann. Man kann sie nur erleben. Im besten Fall mit der Person, die man am meisten mag, zur Not auch mit der Person, die es geschenkt hat. Bei mir ist das dieselbe Person, und ich danke meinem Freund sehr herzlich, dass er es auf sich nimmt, mit mir ins Staatstheater zu gehen. Wir werden uns Händels Semele geben, und ich freu mich enorm drauf!

 

Ebenfalls wenig materiell, da nur kurzzeitig vorhanden, ist ein Geschenk, das wohl nicht in allen Kreisen so gut ankommt. Ich habe trotzdem mehrere bekommen. Die Rede ist von Joints. Haschischzigaretten, Tüten oder wie ihr sie nennen mögt, haben meinen Geburtstag bereichert und mich nach einem schlimmen, wenn auch lustigen Alkoholrausch, der zweifelsohne dazugehört, wiederbelebt. Wer kifft, ist friedlicher und weniger verkatert als der Trinker, das habe ich wieder einmal herausgefunden*. Ich danke dafür dem Strauch Cannabis sowie meinen Versorgern. Und wenn der Joint weg ist, dann ist Verpackung wie Inhalt des Geschenks inhaliert und weg. Die Müllbilanz ist also toll! (Vorsicht bei Aktivkohlefiltern: Die kann man zwar wiederverwenden, aber die Entsorgung ist unschöner als beim Papiertip.)

 

 

Das Kurioseste

 

Das seltsamste Geschenk aber haben mir ein paar Kumpel gemacht. Sie nennen mich häufig T-Rex, denn die Reichweite meiner Arme ist gering. Also habe ich eine Greifhilfe, eine Zange mit langem Stiel, bekommen. Die benutzt man häufig zum Müllaufsammeln. Besagte Freunde kennen zwar weder meinen Blog noch mein recht neues Hobby an Montagen, aber sie haben mir ein gutes Werkzeug dafür geschenkt. Ab nächstem Montag werde ich also mit der orangen Zange umhergehen, Müll vom Boden aufsammeln und dabei einmal mehr aussehen, als hätte ich Sozialstunden abzuarbeiten.

 

DANKE

Insgesamt möchte ich wohl nur Danke sagen in diesem Beitrag. Ich habe mich mehr gefreut, als ich es hätte zeigen können. Ich habe nur nützliche, schöne, einfallsreiche Geschenke bekommen. Und nun sag ich das meiner Familie und meinen Freunden auf diesem Blog. Sie kennen den größtenteils nicht, denn die Inhalte würden meine Bekannten verunsichern. Trotzdem gibt es für so viel Lob bestimmt gutes Karma.

*Trotzdem warne ich ausdrücklich vor Mischkonsum. Auch sonst ist das hier keine Werbung, weder für Drogen, noch für Lushprodukte. Ich schreibe bisher noch aus freiem Willen und für Menschen, die selbst denken können.

Schau mal, wie grün!

Heute gibt’s einen Reblog im Namen des Kurswandels. Der Text handelt von einer Veranstaltung, an die ich bis eben nicht gedacht hatte. Sie benötigt und verdient also definitiv mehr Öffentlichkeit.

Da haben nämlich Leute demostriert. Nicht für sich selbst, weil sie denken, sie haben zu wenig, nein! Tatsächlich für Tiere, denen es scheiße geht, damit du sie billig essen kannst.

Das sind übrigens linksgrünversiffte, und stell dir vor: Sie waren sogar friedlich und haben sinnvolle Forderungen gestellt.

Sieh selbst:

Jedes Jahr im Januar findet in Berlin die Grüne Woche statt. Dabei treffen sich unter anderem verschiedene Agrarminister, um über das Thema Landwirtschaft in Deutschland zu quatschen. Aber die aktuelle Agrarpolitik passt vielen Menschen – so auch mir – nicht in die Tüte. Deshalb strömten letzten Samstag über 30.000 Menschen nach Berlin, um gemeinsam zu […]

über „Wir haben es satt!“ – 2018 — Die Welt wandeln

Eulen schlau, Menschen doof

Mein heutiger Müllspaziergang hat mein bisheriges Feindbild gestärkt: KSC-Fans und Fastfoodfresser. Es gibt aber auch Erfreuliches zu berichten.

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Handschuh, mit dem ich nach zwei Regentagen Müll sammelte. Seine Naht scheint zu lächeln, aber eigentlich weint er.

Draußen ist es schon wieder dunkel, kalt, neblig und grau. Ich habe den gesamten Tag der Prokrastination gewidmet, der Himmel hat den ganzen Tag geweint. Bei Regen kann ich nicht lernen. Raus gehen und Müll sammeln erst recht nicht.

Trotzdem beschreite ich die dunkle Allee, deren Saum scheinbar tote Bäume schmücken. Sie sind völlig kahl. Ich sehe trotzdem nichts, denn der Mond scheint nicht. Aber ich höre etwas: einen schrecklichen Eulenruf, gerade so, als ob ein Mensch versuchen würde, das Hu-Huu des edlen Nachtvogels zu imitieren.

Schisser, wie ich einer bin, gehe ich also langsam nur weiter und starre dabei angestrengt zwischen die Bäume ins Dickicht. „Als ob da bei dem Wetter jemand kauert, um dich zu überfallen“, denke ich mir noch und fahre zusammen: Das Eulengeräusche ist jetzt ganz nah. Ich blicke auf und sehe die Silhouette eines kleinen, aber recht dicken Käuzchens. Er ruft mir weiter zu, wir reden also ein bisschen. Ich spreche gern mit Tieren, auch wenn ich sie sicher häufig missverstehe. Ich glaube, der Kauz dankt für mein Bestreben, seine Lebensgrundlage zu erhalten. In dieser Hinsicht sind die Käuze den Menschen sicher weit voraus.

Menschen treffe ich keine auf meinem Weg. Ihre Hinterlassenschaften hingegen schon.

 

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Den Becher habe ich meiner Flurgemeinschaft gespendet. Für BurgerKing-Müll findet niemand Verwendung. Gesamtweg für diesen Sack voll Müll: 1,5 km.

Man erkennt am Wegesrand schon, dass vergangenes Wochenende ein KSC-Spiel stattfand: Bierbecher (aus dem Stadion, vermutlich 1€ Pfand) und Bierdosen (Pfand: 0,25€) lagern hier. Außerdem sehe ich auf einem Parklplatz ein gesamtes Burgerkingmenü – oder was davon übrig ist. Mich fasst hier eine Wut, die sich nicht richtig erklären lässt. Es ist eine Wut auf Leute, die ich nicht kenne und nicht kennen will: Fußballfans und Fastfoodfresser, die ihren Müll gedankenlos hinter sich werfen. Aber wie kann man schaffen, dass sie das lassen, wenn man nicht einmal mehr eine Person kennt, die sich so verhält? 

 

Das ist eine Frage, die sich elitäre Idealisten fernab der Realität häufig stellen. Habt ihr schon eine Antwort darauf? Dann schreibt sie mir in die Kommentare, ich freue mich über alles.

Zwischen Müll und Märchen: Ein Ausflug in den Zauberwald

Einen gemütlichen Spaziergang habe ich heute hinter mir. Vom Nachmittag bis zu Dämmerung – also winterswegen gerade mal 45 Minuten lang – beschritt ich den Laubwald im Winterschlaf. Die Bäume haben längst mit ihren Blättern den Boden zugedeckt. Es war kalt und ruhig und schön draußen.

 

Schön? Ja, tatsächlich. Ich habe heute kaum Müll gefunden, gerade mal ein Bodensatz füllt die Mülltüte, die sonst schon nach einem Bruchteil des zurückgelegten Weges überquillt vor Abfall. Wenn ich heute Müll gefunden habe, dann hauptsächlich neben Sitzbänken ohne Mülleimer.

 

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Weiße Ahornblätter im Buchenlaub

Auf den kleinen Waldwegen hielt ich dennoch aufmerksam die Augen offen. Da spielte die Natur mir Streiche: Zu völliger Farblosigkeit verblichene Ahornblätter reflektierten viel mehr Licht als ihre roten Verwandten, die Blätter der Buche. Da die Buche aber viel häufiger in diesem Wäldchen vorhanden ist, blitzten die Ahornbätter nur so hervor.

 

Häufig ging ich dann hin um diese vermeintlichen Papiere und Folien zu inspizieren. Mit jedem Schritt wurde mein Irrtum ersichtlicher: Wieder nur ein Blatt. Pilzsammler kennen das Problem wohl.

 

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Moos

Einige Moose fingen meinen Blick auf ähnliche Weise ein. Aus dem graubraunen Waldboden sticht ihr Grün und ihr Helltürkis besonders hervor und ist dabei oft von so knalligem Farbton, dass ich mich beinah danach bückte. „Das kann ja nicht sein, so grelle Farben in der Natur“, sagte mir mein Müllradar.

 

Nach diesem wunderbaren (weil wenigem) Montagsmüll noch eine Frage an eventuelle Leser:

 

 

 

Wann hat euch der Wald zuletzt verzaubert?

 

 

 

Der schlimmste Müll: Mein heutiger Fund

Letzte Woche war ich verkatert – ja, die ganze Woche – und daher nicht imstande den Müll zu sammeln und zu entsorgen, wie ich es vorhatte. Das tut mir Leid.

Auch heute scheint es, als müsste ich nicht raus gehen, sondern lediglich meinen Wohnort als Suchbegriff in den Reader eingeben und ganz, ganz lange scrollen. Schon zeigt sich mir der schlimmste Müll, den unser Land zu bieten hat, und das ist ein Holocaustleugner, der auch noch Zustimmung im Internet bekommt. Einen Auszug kriegt ihr hier:

Erfrischend anders an dem Beitrag ist, dass Hitler nicht wie üblich, die Horror-Lüge vom sogenannten Holocaust unterstellt wird. […]

über Globalismus vs Nationalsozialismus — Viel Spass im System

Den Rest erspare ich euch. Es wird Hitler, kurz gefasst, unterstellt, dass er links war; als rechts gilt, dass Schwarze Weiße heiraten dürfen – bitte was? Insgesamt ergibt der Text überhaupt keinen Sinn, was ja normal ist bei derartigen Verschwörungstheorien.

Eigentlich sollte ich wohl den gepflegten Dialog mit dem Autor suchen, nachdem ich heute bereits Seppos nazisatirischen Text „Die echte Wahrheit“ rügte und ihm vorhielt, er mache sich nur über besorgte Bürger lustig und fördere damit die gesamtgesellschafltiche Spaltung. Jetzt lese ich seinen Text gerade nochmal, und in vielen Punkten stimmt diese Übertreibung leider mit den Inhalten des Blogs „Viel Spass im System“ überein. Ich muss zugeben: Hier ist bereits Hopfen und Malz, und somit alles, was die toitsche Togent ausmacht, verloren.

Ich bin recht sprachlos angesichts dieses Funds und würde gern etwas dagegen tun, denn meines Wissens und auch nach dem Wissensstand des Blogbetreibers von „Viel Spass im System“ ist Holocaustleugnen auch im Internet strafbar. Wer juristisch informiert ist, was man dagegen tun kann: Immer her damit! Außerdem stelle ich mir die Frage, ob WordPress selbst auch Richtlinien hat, die dies regeln, finde aber nichts dazu. Vielleicht bin ich zu blöd zum Googlen. Jedenfalls bin ich froh, wenn ihr mir weiterhelft.

Damit ich auch diesen Montagsmüll umweltgerecht entsorgen kann.

Ein Flugzeug rostet, wenn es rumsteht

Heute ist Mittwoch, und mittwochs motiviert mich, euch und sich selbst wohl auch neuestens die liebe Tamara auf ihrem Blog everythingbutcasual. Ich halte das für eine fabelhafte Idee, zumal es gerade als ausschließlich eigennütziger Schreiberling im Internet häufig an Antrieb zur brotlosen Kunst fehlt, auch wenn man’s ja eigentlich gern macht.

 

„Du hast einen Traum. Aber du verfolgst ihn nicht.“

 

 

Das sind einfache Sätze, die aber umso wirkungsvoller sind, beschreiben sie doch ein Gefühl, das die meisten Leute gut kennen; so ward ich in den Text gezogen.

 

Es handelt sich in dem hier vorgestellten Beitrag allerdings nicht nur um einen Text, sondern auch um ein beigefügtes Video. Nachdem ich dieses wie empfohlen angesehen habe, habe ich nun noch eine Anmerkung zum Inhalt. Der gute PrinceEA, dessen Website mich ankotzt – nein, ich möchte keine Notifikationen! –, weshalb ich sie nicht verlinke, spricht uns darin Mut zu. Er verwendet dabei die Metapher eines Flugzeugs, das eher kaputt geht, wenn es am Boden bleibt und niemals fliegt, da es dort unten eher zu rosten beginnt.

 

Diese Aussage ist ausgemachter Unsinn, denn es geht ja nicht vom Rumstehen allein kaputt; als angehende Ingenieurin möchte ich aber darauf hinweisen, dass etwaige Defekte schneller erkannt und in frühem Stadium behoben werden können, wenn das Gerät dauernd im Einsatz ist – es soll ja keiner sterben. Steht es dagegen nur rum, kümmert sich auch keiner um die Wartung.

„Und was hat das jetzt mit mir zu tun?“

 

Wie das Flugzeug sollst auch du regelmäßig durchstarten, um nicht zu verrosten.

 

Ein krasses Beispiel aus meinem Umfeld dafür, dass das bei einigen, wenn nicht allen Leuten der Fall ist, ist mein Chorleiter aus Schulzeiten. Er leidet bereits seit über zehn Jahren an einem Hirntumor und hat dementsprechend schon etliche Operationen und ungefähr alle Arztbesuche hinter sich; dennoch ist er nicht unterzukriegen. Er schöpft, so scheint es mir, seine Lebenskraft aus Engagement, aus Musik, aus Leidenschaft.

 

Täte er das nicht mit einer derartigen Hingabe, so, da bin ich  mir sicher, wäre er, um beim Flugzeug zu bleiben, nicht gestartet, sondern am Boden geblieben. Sein Körper hätte sich dem Rost der Menschheit, dem Krebs, hingegeben.

 

Und wenn dieser Mann, der sich konstant mit dem Tod konfrontiert sieht wie kaum jemand sonst in diesen reichen Landen, das kann – warum sollten wir es nicht auch können?

 

Das waren meine Worte zum alles andere als lockeren Motivationsmittwoch. Nun schaut euch schon den Originalpost an 😉

 

[…] Du hast einen Traum. Aber du verfolgst ihn nicht. Und ich würde behaupten, dass jeder mal einen kleinen Traum aufgegeben hat, weil Menschen im direkten Umfeld die Idee für unsicher, brotlos oder komplette Spinnerei gehalten haben. Weil sie diesen Traum nicht ernst genommen haben – oder haben sie sogar im Endeffekt dich als Person nicht für voll genommen? Und natürlich geht es auch viel darum Menschen nicht enttäuschen zu wollen. Erwartungen nicht gerecht zu werden. Dann geht man doch lieber den Weg, der […]

über everybody dies, but not everybody lives. #MotivationsMittwoch — everythingbutcasual

 

(Eigentlich wollte ich mich, da ich den Post nur rebloggen wollte, kurz halten; das ist scheinbar nicht gelungen. Ich entschuldige mich.)

Weihnachtsmüll

Dieser Text ist keine Ebaywerbung, sondern die Weihnachtsedition des Montagsmülls.

 

Weihnachten ist schon wieder vorbei. Das bedeutet vor allem, dass wir uns langsam, aber sicher alle wieder Alltäglichem zuwenden. Ich habe das Fest bei meiner Familie in einem beschaulichen Schwarzwaldstädtchen verbracht und es, da es sich anbot, mit meinem wöchentlichen Ritual kombiniert.

 

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Auf 700 Metern Kleinstadtstrecke gesammelt: Weihnachtsmüll

Am ersten Weihnachtfeiertag, einem Montag, wohlbemerkt, legte ich – zwischen mittäglichem Festgelage und der mir zum Platzen gereichenden Einnahme von Kaffee und Kuchen am Nachmittag – mit meiner Familie einen Spazierweg von mehreren Kilometern zurück.

 

Optimistisch, wie ich es nur in solchen Fällen bin, in denen diese Geisteshaltung fehl am Platze ist, nahm ich einen kleinen Müllsack mit, denn wir gingen zunächst nur durch die, wie ich dachte, verhältnismäßig saubere Innenstadt. Dennoch, oder gerade deshalb war nach einem Bruchteil des Weges, nämlich nach kurzen 700 Metern, mein Müllsack voll.

 

Nach anfänglichem Spott seitens dieser Leute, die sich mir verwandt nennen dürfen, half dann sogar mein kleiner Bruder, und der Freund meiner Schwester stellte fest, dass ihm der viele Müll in der Stadt noch nie aufgefallen war.

 

In weihnachtlicher Stimmung begriffen, verbuchte ich dies als Erfolg, denn vor dem eigenen Handeln erfolgt stets eine Bewusstmachung der bisher übersehenen Missstände, und wenn ich nur das erreicht habe, ist es schließlich besser als nichts.

Da ich in den nächsten Tagen beschäftigt sein werde, wünsche ich allen Lesern meines Mülls schon mal einen guten Rutsch ins neue jahr. Und räumt ja eure Raketen auf – sonst mach ich das. 😉

 

Heute ist Montag, oder nicht?

Ich habe letzte Woche eine neue Rubrik, besser gesagt: überhaupt mal eine Rubrik in meinen Blog eingeführt, nämlich den Montagsmüll. Das ist eine stets montäglich angesetzte Sache, bei der ich, der Name sagt es, Müll sammle. Warum, kannst du im ersten Artikel zum Thema nachlesen. Eigentlich geht es natürlich wieder mal darum, dass Studenten zeigen müssen, was sie für Gutmenschen sind.

 

Sonntag ist, wenn ich nicht raus muss

 

 

So wie gestern. Gestern war bei mir Sonntag, und deshalb sammelte ich keinen Montagsmüll. Das ergibt nur Sinn, wenn man missachtet, dass bei euch vermutlich gestern Montag war. Ich hingegen hatte keine Vorlesung wegen Ausfall, keinen Grund aufzustehen und eben vergessen, dass das ein Montag sein sollte.

Heute war dann plötzlich Dienstag. Das bemerkte ich erneut aufgrund meines Stundenplanes (und diesmal sogar richtig!) und fühlte direkt Reue: Ich hatte den Montagsmüll bereits am ersten geplanten Sammeltermin zu sammeln versäumt. Daraufhin ließ ich mir zunächst zahllose Ausreden einfallen, die nur nichts brachten, musste ich sie ja diesmal nicht mir allein, sondern euch, die ihr diesen Blog lest, auftischen.

 

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Auf hundert Metern Wegesrand gesammelt: ein ganzer Sack Studentenstadtmüll.

So traf ich heute die Entscheidung: Nur ganz, ganz kurz gehe ich noch mal raus und suche im Dreck Dreck, der diesen Namen kaum verdient. Gesagt, getan, fand ich auf einer Strecke, die laut Google Maps – und Google weiß bekanntlich alles – gerade mal hundert Meter misst, in höchstens zehn Minuten den im Bild dargestellten Müll.
Dabei ist noch zu erwähnen, dass sich in näherer Umgebung kein Fastfoodrestaurant befindet sowie dass am Ende dieser Strecke nur Studenten wohnen, und zwar tausend Stück.

Bleibt mir nur zu sagen: Wenn die restlichen Studenten einen solch ekelhaften Umgang mit unserer Umwelt pflegen, so fällt es mir wohl nicht allzu schwer mich als Gutstudent zu fühlen. Genügend Müll, den ich entfernen kann, scheinen meine werten Mitbewohner – nicht alle, aber definitiv zu viele – durchaus zu verschleudern.