Ein Essay über die ZEIT und Geld und Sucht und Zeit und natürlich über Liebe

Weihnachten steht vor der Tür, und mit ihm Tage der Besinnung. Oder doch wieder nur des besinnungslosen Konsums? Ich bin mir nicht mehr sicher. Dieser Essay handelt von solchem Handeln, man könnte ihn auch als Manifest verstehen, mit dem ich konstatiere: Mein Lifestyle ist geiler als deiner!

 

Vor kurzem ist bei der ZEIT ONLINE Arbeit ein Artikel mit einem seltsam vielversprechenden Titel erschienen. „Ich bin süchtig nach Geld“, ein Zitat deshalb, weil es sich bei dem Text um ein Interview mit Berufseinsteigern handelt, die sich darin mit ihrer Einstellung zu Geld befassen. Ich finde, das klingt zunächst sehr interessant; allein die Überschrift lässt eine Entrüstung, die ihresgleichen sucht, in mir aufsteigen. Im Folgenden möchte ich diesem gutbürgerlichen, möglicherweise kapitalistisch verblendeten Auswuchs unserer Gesellschaft in einem Bericht der sonst doch etwas linken ZEIT ONLINE meinen bisherigen, vielleicht naiven Lebensentwurf gegenüber stellen, wobei zu beachten ist, dass mir mein Wohlergehen um ein Vielfaches wichtiger ist als mein Wohlstand – auch wenn das eine nicht ganz ohne das andere auskommt.

Wozu Freizeit ohne Geld?

Ich lebe nämlich wie die meisten Menschen in Deutschland in einer Blase; jedoch nicht in einer sächsischen, die weitgehend ohne Ausländer, dafür mit viel Hass auskommt, sondern in einer studentischen, in der die meisten Leute der Freizeit gleich oder gar mehr Wert beimessen als dem durch Einsatz von Freizeit verdienten Geld. In dem Studentenwohnheim, wo ich nun schon seit drei Jahren lebe, lernen viele ihre Freizeit auch ohne Geld zu schätzen, und meine arbeitenden Freunde beneiden uns schon mal darum. Viele Bekannte aber fragen: Was will ich mit Freizeit, wenn ich sie nicht nutzen kann? Ich habe ja dann kein Geld?

 

Philipp, 26, braucht jedes neue iPhone sofort

 

Ähnlich wie diesen Bekannten geht es auch Philipp, 26 Jahre alt und der Erste, der der ZON Arbeit sein Verhältnis zu Geld schildert. Philipp arbeitet als Finanzdienstleister und kennt sich somit gut aus mit Finanzen und der Wirtschaft. Wer nun besondere Weitsicht bezüglich seines Umgangs mit Geld erwartet, wird dennoch schwer enttäuscht werden: Dieser junge Mann erlaubt sich mit „mehr Geld mehr Freiheiten“, er zählt auf: einen Riesenfernseher, jedes neue iPhone (das brauche er sofort), Spontanflüge in die USA, „vorrausgesetzt, ich bekomme Urlaub.“ Daran hapert es ja meistens, wenn man sehr viel Geld verdient: Man hat keine Zeit mehr, es auszugeben. Diesen Gegensatz von mehr Freiheit und zu wenig Freizeit zur Auslebung selbiger löst Philipp gekonnt auf mit der Aussage, dass er mehr Geld immer mehr Zeit vorzöge – dabei war die Einsicht ja schon da, dass er es dann noch seltener ausgeben kann. Ich kann diese absurde Überzeugung nicht nachvollziehen, der Artikelname ist Programm. Philipp ist süchtig nach Geld: Seinem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.

„Ich will aber!“

 

Diese Sucht bezieht sich jedoch nicht direkt aufs Geld, sondern vielmehr auf den Konsum: „Irgendwann ist man eben auf einem Level angelangt, da braucht man dann die dritte Jacht, weil man Bock drauf hat.“ Braucht man? Braucht ein Kind den Schokoriegel an der Kasse, weil es „Bock drauf hat“? Auf den Vergleich mit einem quengelnden Kleinkind kann ich nicht verzichten, sagt Philipp später über das ständige Mehr an Luxus: „[A]ber ich will es haben.“

 

Ich will nie so reich sein, wie unser Philipp es ist; man sieht ja, wie unsozial Superreiche sich in ihrem Bestreben ihren Reichtum größer, höher und weiter anzuhäufen verhalten, an den zahllosen Skandalen in Gegenwart und Vergangenheit, für die sie scheinbar skrupellos sorgen. Unsozial, wenn es das trifft, vielleicht aber auch vielmehr sozial wenig interessiert, da finanziell überengagiert ist auch Philipp bereits. Ihm ist mehr Geld generell wichtiger, als dass er mit seinen Kollegen und dem Chef gut auskommt, für mehr Gehalt nimmt er jedes noch so abscheuliche Arbeitsklima in Kauf. Auf Schöndeutsch: Philipp würde ohne Weiteres seinen Arsch an Arschlöcher verkaufen.

 

Sucht Sucht Freunde aus?

 

Zudem müssen seine Freunde das Potential haben sich finanziell zu entwickeln. In meinen Augen ist das Wahnsinn. Was ich hingegen als normale Anforderungen für Freunde betrachte: Sie sollten mich gut leiden können und ich sie auch. Ähnlicher Humor ist ebenfalls von Vorteil. Ich möchte damit nicht darstellen, was für ein unglaublich guter Mensch ich bin, denn das bin ich nicht. Ich möchte auch nicht sagen, dass Philipp sein Leben mit Sicherheit falsch führt, auch wenn es mir schwer fällt zu glauben, dass man so glücklich sein kann – und das Glücklichsein ist für mich die Hauptsache. Für Philipp ist sie eher die Illusion des Irgendwannglücklichwerdens. Sein Ziel ist offensichtlich Reichtum, der immer wachsen soll. „Ein Wahnsinnsgefühl, dieses Mehr. Dass es beim Reichtum kein Limit gibt,“ ist meines Erachtens ziemlich schlimm, aber was soll’s. Viel problematischer ist für Philipp, dass er für sein Glück immer mehr von etwas braucht. Wenn man so gesehen seinen (Kauf-)Rausch immer steigern muss, um froh zu sein, dann kann man auch mit Heroin glücklich werden und am Ende völlig zugeballert sterben. (Einziges Problemhierbei: gutes Heroin ist wiederum teuer.) Es ist dann auch wichtig, dass die Freunde gern Heroin nehmen wollen, zusätzlich zu finanziellem Potential benötigen sie jetzt eben Sucht- und Kriminalitätspotential, um die Analogie zu Philipps Konsumproblem mal zu verdeutlichen.*

 

Anna, 26, will es zeigen – aber wem eigentlich?

 

Ganz so verkorkst ist Anna, Kandidatin Nummer zwei im besprochenen Artikel, nicht. Sie ist ebenfalls 26 Jahre alt und arbeitet als Floristin, nennt sich aber „Floral Artist“, damit junge, abgehobene Paare, beeindruckt von dieser englischen Berufsbezeichnung – die beiden sind vermutlich „Manager of Public Relations“ und „Economic Leadership Coach“ –, ihre Dienste besser entlohnen. Anna will zeigen, dass sie es geschafft hat – mit einem nagelneu glänzenden Mercedes und einzelnen Outfits im Wert von jeweils mehreren Hundert Euro. Ihrem Sohn versucht sie aber selten teures Spielzeug zu kaufen, von dem sie zugibt, dass es nach zwei Tagen in einer Ecke liegt, vergessen, traurig und einsam, und predigt Dankbarkeit. Dass kleine Kinder zunächst durch Nachahmung und nicht so sehr durch Erziehung geprägt werden, scheint ihr entfallen.

Ich will vor allem wissen: Wem will Anna es zeigen? Sie selbst weiß ja, dass sie es geschafft hat, denn sie kann es in ihrem Zuhause, auf ihrem Konto, vielleicht in den Augen ihres Kindes sehen. Sie möchte es aber nach außen hin präsentieren; sie möchte von anderen aufgrund ihrer finanziellen Situation beurteilt werden. Vermutlich hält sie das sogar für unumgänglich, haben doch ihre Eltern, obwohl sie wenig Geld hatten, ihr Haus zu Prestigezwecken behalten anstatt sich die vermeintliche Blöße zu geben in eine günstigere Wohnung umzuziehen und möglicherweise ein finanziell wie allgemein entspannteres Leben zu führen.

 

Ein jeder hat sein Kindheitstrauma

 

Meine Kindheit hat mich in Sachen Geld ebenfalls erheblich geprägt, nehme ich an: Wir hatten keine Kohle und ich habe immer ein bisschen scheiße ausgesehen in meiner abgetragenen Kleidung, die über zwei Cousinen und eine Schwester weitergegeben worden war, bevor man sie mir übergestülpt hat. Obwohl ich eigentlich zu spät dafür geboren bin, habe ich mit 10 Jahren noch Schlaghosen getragen. Ich kann Annas Scham und ihren Unwillen ihr Geld nicht zu zeigen also ein Stück weit nachvollziehen. Irgendwann aber hat mir dieser Umstand des Nichtalleshabenkönnens beigebracht, dass man sich individuell und schön gestalten kann. Ein bisschen waren das allerdings auch die Ärzte, die mir, aufgenommen mit der Muttermilch, vermittelten:

 

„Ich bin nicht arm – ich hab, was mir gefällt. Ich bin nicht neidisch auf dich oder dein Geld. Herzlich willkommen in meinem Lebenslauf.“

„Ich bin nicht hässlich; ich seh nur anders aus als du.“

 

 

 

 

Wie aus Mangel Weisheit wurde

 

Wir hatten keine große Bude, und damit meine Schwester und ich zumindest je ein eigenes Zimmer haben konnten, hat unsere Mutter im Wohnzimmer geschlafen.Während meine Klassenkameraden aus gutbürgerlichem Mittelschichthause Markenprodukte gegessen, getragen, konsumiert haben, so habe ich – Danke, Mama! – recht früh den Sinn davon hinterfragt mehr Geld für ein Logo auszugeben; heute weiß ich, dass Nutella aus billigem und umweltschädlichem Palmfett hergestellt wird, sodass ich mein Geld, wenn ich zu viel habe, auch in Ökoalternativen aus halbwegs regionaler und fairer Herstellung investieren kann, oder, dass ich, falls mir wirklich wenig Geld zur Verfügung steht, auch billige Alternativen verwenden kann. Der von Ferrero viel gepriesene einzigartige Geschmack ist hier wie bei vielen Markenprodukten ausschließlich Gewöhnungssache. Ich weiß mittlerweile auch, dass renommierte Textilhersteller, deren Werbung in Form von Pullis und Shirts mit Schriftzug oder Streifen man als „Cool Kid“ auf dem Schulhof unbedingt tragen muss, anderswo Kinder ausbeuten.

 

Liebe macht reicher als Geld

 

Ich muss niemandem etwas zeigen; meine Eltern sind bestimmt stolz auf mich, weil ich „was Anständiges“ studiere. Tatsächlich wollte ich aber als Kind Floristin werden, so wie Anna, und ich bin mir sicher, das hätten sie ebenfalls stolz mit angesehen. Drum möchte ich Anna am liebsten sagen: Du hast es doch geschafft! Zeig es dir und deiner Familie, gern auch deinen Freunden oder Fremden, indem du euch etwas Gutes tust. Dazu benötigt man nicht unbedingt Geld, sondern Zeit und Liebe. Die sind ja zum Glück immer noch umsonst und bringen einen Reichtum, der mit Gold nicht aufzuwiegen ist.

 

Mein Reichtum ist deine Normalität

 

Ein wiederum etwas anderes Maß für Reichtum hat Christian. Er hat mit seinen dreißig Jahren an Alter und seinem Job in der Automobilbranche noch keine Million zusammen und betrachtet sich deshalb nicht als reich. Diese erste Aussage finde ich in der globalisierten Welt, in der fast alle Deutschen über materiellen Reichtum verfügen, unangebracht; Christian könnte ruhig mal seine Prioritäten überdenken und eine Runde über den eigenen Tellerrand schauen. Mir ist klar, dass meine persönliche Grenze von Reichtum da liegt, wo bei anderen erst die Normalität beginnt, aber ich denke, ich fahre ganz gut damit. Wieder ist das sicherlich auch meiner Kindheit und nicht meinem Intellekt oder einer ersponnenen moralischen Überlegenheit zu verdanken. Früher habe ich alle meine Freunde als reich angesehen, weil sie in Einfamilienhäusern in Neubaugebieten gelebt haben, denn mir war so etwas bis dahin unbekannt. Auch heute bezeichne ich daher den in Deutschland gewohnten Wohlstand gern als Reichtum: Immerhin hat nahezu jeder hier ein Dach und fließend warmes Wasser und genügend Essen zum Wegwerfen sowie einen Taschencomputer, der quasi alles kann und alles ersetzt.

 

Aber Christian kratzt die Kurve: Neben sinnfreien Anschaffungen wie Kopfhörern für 350 Euro – „Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss schon stimmen“ – gibt er auch Geld für bessere Lebensmittel und kostenlose Dienste wie die Wikipedia aus, die er für unterstützenswert hält. Ich denke, Christian hat seinen Reichtum eigentlich doch erkannt, nur möchte er ihn nicht beim Namen nennen, sei es aus Scham oder aus Angst vor Neid. Viel wichtiger ist aber, was er daraus für sich ableitet und wie sein, nennen wir es Christian zuliebe Wohlstand, sein Handeln und seinen Konsum bestimmen.

 

Nicht nur Christen können Nächstenliebe

 

Seinen Reichtum zu erkennen und daraufhin auch andere, die weniger haben, daran teilhaben zu lassen ist Teil aller Weltreligionen. Doch auch wer wie ich nicht religiös ist, hat im Alltag jede Menge Gelegenheit dazu. Mein Freund zum Beispiel gibt jedem Obdachlosen, dem er begegnet, Geld und ein Gespräch oder er kauft etwas für ihn ein. Seine Begründung könnte einfacher nicht sein: „Es hätte auch mich treffen können, alles ist Zufall.“ In Religionen, die an die Wiedergeburt glauben, sagt man stattdessen: „Das könnte deine verstorbene Großmutter/dein zukünftiger Enkel sein“, das Prinzip bleibt dasselbe. Dieser von Demut geprägten solidarischen Philosophie versuche auch ich zu folgen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Der größte Gegner hierbei heißt Angst und er verleitet schnell zu Missgunst oder zum Wegsehen, wo niemand gern hinschauen möchte.

 

Auch in der Erziehung gilt: Zeit ist wichtiger als Geld

 

In gewissem Maße scheint die Angst auch Christians Beziehung zu Geld zu beeinflussen: Er nennt zuletzt Sicherheit, Rente und Kinder als größten Anreiz zum Geldverdienen. Das ist ein valides und vor allem verständliches Argument. Dennoch sollte man meiner Meinung nach, gerade wenn man Kinder hat, mehr Zeit und Aufmerksamkeit als Geld in sie investieren. Was ansonsten geschehen kann, ist unter anderem hier, aber auch sonst sehr viel auf Youtube und sozialen Medien zu sehen, wo Kinder mit guten, teuren Kameras die peinlichste Zeit ihres Lebens festhalten um, wenn nicht die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, so doch wenigstens die fremder Personen im Internet zu ergattern.

 

YOLO, das bedeutet: „You only live once!“

 

Lydia Krüger hat sich in ihrem Blog Büronymus mit demselben Thema befasst und kommt ebenfalls zu dem Schluss: Zeit ist wichtiger als Geld. Spannend finde ich, dass viele dies irgendwann realisieren, man aber niemanden findet, der umgekehrt vorher eine „viel Zeit“-Lebensphilosophie vertrat und plötzlich Geld als wichtigstes Gut seiner Existenz ansieht. Einige „viel Geld“-Anhänger werden nun empört schimpfen, dass man eben faul wird, sobald man weniger arbeitet, und schwache Gemüter diese Faulheit dann nicht mehr überwinden können; zum Problem der Faulheit in der Freizeit werde ich am Ende des Textes zurückkehren. Lydia Krüger schreibt in ihrem Blogpost „Zeit ist das neue Geld“, dass der bereits vorhandene Wohlstand, in den wir hineingeboren werden, und unsichere Renten sie dazu bewogen haben, Geld nicht mehr so wichtig zu nehmen, frei nach dem Motto „YOLO“, dem bedauernswert hohl klingenden Mantra meiner Generation. Zudem zitiert sie Nietzsche, der sagt: „Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave.“ Zählt man zur täglich verfügbaren Zeit den Schlaf hinzu, so passt die Vierzigstundenwoche noch in unseren Rhythmus ohne uns zu versklaven. Krüger zieht aber acht Stunden für Schlaf ab und schließt: „Nietzsches Arbeitswoche wäre eine 25h-Woche.“

 

Mehr Fokus im Sechsstundentag

 

Von Nietzsches Fünfundzwanzigstundenwoche hat man bisher zwar noch nichts mitbekommen, aber der Sechsstundentag ist ein Phänomen, über das sogar hiesige Medien ab und zu vorsichtig munkeln. Es darf dabei aber nicht um das Wohlergehen von Arbeitnehmern gehen: Stattdessen ist man auf der Suche nach einer Leistungssteigerung oder einer Kostenersparnis, wobei die beiden effektiv dasselbe sind. Mit dem Sechsstundentag kassieren schwedische Unternehmen beispielsweise bereits echte Vorteile. Ihre Mitarbeiter seien fokussierter, sagen sie. Mir erscheint das nur logisch, denn nach fünf Stunden fokussierten Lernens, Denkens und Rechnens ist bei mir auch die Luft raus. Ich höre dann auf, denn ich werde ja nicht dafür bezahlt; geforderte Arbeitnehmer mit Achtstundentag verlagern ihre Aufmerksamkeit dann eben weg von Aufgaben, die echte Konzentration erfordern, und hin zu aufmerksamkeitsziehenden Medien wie dieser Plage, die sich Facebook nennt. Genau dem scheinen die Schweden erfolgreich entgegengewirkt zu haben.

 

Nur Hokuspokus mit dem Sechsstundentag?

 

Der stern jedoch hat einen Artikel veröffentlicht, der sich mit der Einführung des Sechsstundentags in einem Altenheim beschäftigt. Dabei seien die Krankheitstage des betroffenen Personals kaum reduziert worden oder gar vermehrt aufgetreten. Dass Pflegepersonal weniger gestresst ist und plötzlich seltener krank wird, weil sie weniger Zeit mit ihrer wichtigen Arbeit mit Menschen verbringen, kann aber kaum jemand glauben. Nur, wenn zusätzlich genügend Personal angestellt wird, kann der Stresslevel der Angestellten effektiv gesenkt werden. Genügend bedeutet hierbei keinesfalls, dass nur der Status quo erhalten werden soll, sondern eine echte Besserung der Bedingungen durch mehr Pfleger pro Patient.
Bei OP-Personal, so stern.de, habe sich allerdings eine Verbesserung erwirken lassen: Weniger Stress führe zu weniger Kündigung, diese zu weniger Einarbeitung neuen Personals. Die gesparte Zeit und das dadurch gesparte Geld kommen dann dauerhaft den Angestellten zugute. Da dieser Vorteil in messbaren Zahlen vorliegt, kann man ihn nicht von der Hand weisen, dennoch bezeichnet der stern das Projekt Sechsstundenwoche mit seinen verschiedenen Versuchen als insgesamt gescheitert.

 

„Die Kosten wiegen schwerer als die Vorteile.“

 

Auch DIE WeLT berichtet nichts, was Hoffnung keimen ließe. „Zu teuer“, sage die Wirtschaftsagentur Bloomberg, „die Kosten wiegen schwerer als die Vorteile.“ Das lässt sich als Wirtschaftsagentur natürlich leicht so sagen, geht es ja hier um Menschen und deren Wohlergehen und nicht um Banken und Wohlstand. Dass mögliche Vorteile der Sechsstundenwoche sich nicht ausschließlich und schon gar nicht sofort in Geldbeträgen messen lassen, wird von Finanzfuzzis geflissentlich übersehen. Einen kleinen Lichtblick gibt es aber doch: die schwedische Linke fordert Studien über langfristige Vorteile der Sechsstundenwoche. Ich für meinen Teil warte das nicht ab, denn ich bin überzeugt, dass mehr Zeit mehr Mehr ist als mehr Geld.

 

Der Traum vom Hippiedorf

 

Das Problem, das sich nun in unserer Gesellschaft für Leute derselben Einstellung ergibt, ist ein wenig paradox: Finanziell unabhängig kann nur werden, wer vorher über Geld verfügt. Ohne Moos: nix los. Der einzige Lösungsvorschlag, der meine Freunde und mich mit dem Leben in diesem grässlich luxuriösen und dennoch unfreien Umfeld versöhnt, ist bisher ein Traum, der Traum vom Hippiedorf. Was naiv bis unmöglich klingen mag, ist sicher zu schaffen, wenn man trotz wenig Lohnarbeit nicht faul ist. Als Ingenieure und Gärtner möglichst autark auf dem Land zu leben, möglichst ohne Luxus, den man nicht selbst schaffen kann, jedoch gelegentlich mit eingekaufter Fairtradeschokolade, ist eine Vision, die mir Trost spendet inmitten all der erfolgs- und konsumorientierten Philipps, die auch an der Uni leider zuhauf unterwegs sind. (Sie sind dabei aber so zielstrebig, dass sie auch pünktlich nach sechs Semestern Regelstudienzeit wieder weg sind.)

 

Das Gewohnheitstier Homo sapiens

 

Viele werden fragen, ob ich denn nicht auch glaube, dass mir etwas fehlen wird, später, in meinem einfachen Leben, von dem ich so gern träume. Ich denke aber, der Mensch gewöhnt sich an alles. Ich gewöhne mich daher lieber an einen, so könnten Dauerkonsumierende sagen, armen und langweiligen Lebensstil und finde Freude an relativ einfachen Dingen, als an einen teuren und extravaganten, bei dem das Gewohnheitstier Homo sapiens mehr und mehr Geld benötigt um seine vermeintlichen Bedürfnisse dauerhaft stillen zu können.

Den Bekannten, zu Beginn erwähnt, die fragen, was ich denn anstelle mit meiner Zeit, wenn ich doch kaum Geld habe, erzähle ich dann eben, was ich so tu in meiner freien Zeit, also in der, die nicht fürs Studieren drauf geht:

 

  • einen neuen Arbeitskreis in meinem Wohnheim für solidarische, ökologische Landwirtschaft gründen,
  • viel lesen,
  • raus gehen, spazieren gehen, eislaufen, Inline skaten,
  • Bücher und Kleidung aus zweiter Hand einkaufen, was spannender ist, als das H&M-Kunstsoffartikelregal zu plündern um hinterher auszusehen wie jedes beliebige Konsumopfer,
  • malen (direkt an die Wand; das spart Leinwand und sieht schick aus),
  • schreiben, und im Verlauf dessen manchmal zwei Stunden ins Internet versieben,
  • manchmal mit einer besonders guten Serie Zeit totschlagen,
  • meditieren (seit neuestem),
  • Tanzkurs, der an der Uni von Ehrenamtlichen umsonst angeboten wird.

 

Ehrenamt im studentischen Umfeld spielt dabei eine wichtige Rolle; sonst hätte ich sicher nicht die Möglichkeit, so viele tolle Sachen und vor allem Erlebnisse umsonst mitzunehmen. Ich bin dafür sehr dankbar. Denn wer gibt, der wird bekommen. Engagement ohne Bezahlung, die keine Lohnarbeit ist, nimmt einen erheblichen Teil meiner Zeit ein. So viel zur Faulheit der Arbeitslosen. 😉

 

Zum Schluss ein letzter Satz für die Realisten, die diesen Text dennoch zu Ende gelesen haben: Ich weiß durchaus, dass man Geld braucht um in unserer Gesellschaft zu überleben, auch oder gerade sozial, aber man kann mit Geld umgehen ohne ihm einen (Stellen-)Wert einzuräumen, den es nicht hat und vielleicht auch nicht unbedingt haben sollte.

 

 

Sollte dieser Text weltanschaulich halbwegs gefallen oder zumindest zum Nachdenken angeregt haben, so empfehle ich als weitere Lektüre Momo, ein Kinderbuch, das ich hier in naher Zukunft rezensieren, interpretieren und wärmstens empfehlen möchte – auch, falls noch ein Weihnachtsgeschenk für eure Liebsten fehlt – von Michael Ende, der übrigens leider tot ist und der diese Werbung, die ich hier aus reinster Überzeugung mache, wirklich nicht mehr braucht.

 

*(Ich will hier auf keinen Fall die Heroinsucht verharmlosen. Es ist mir lediglich ein Anliegen mithilfe dieser hoffentlich deutlichen Überspitzung und des Vergleichs die Beklopptheiten des unbedachten Dauerkonsums aufzuzeigen.)
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5 Kommentare zu „Ein Essay über die ZEIT und Geld und Sucht und Zeit und natürlich über Liebe

  1. Ich stimme deinen Ausführungen zu. Auch ich finde Zeit wesentlich wichtiger als Geld, wenn der Betrag über das zum Leben Notwendige hinausgeht. Leider sehe ich als Lehrerin, dass in vielen jungen Familien beides nicht ausreichend vorhanden ist, obwohl rund um die Uhr gearbeitet wird. Unsere Gesellschaft hat zwei große Mankos. Einmal, dass Geld und Besitz als höchster Wert akzeptiert und Arbeit falsch definiert wird, nämlich nur Erwerbsarbeit.
    Als Verfechter des BGE werde ich ständig mit dem Vorwurf der bezahlten Faulheit konfrontiert. Für mich mit einer halben Stelle kann ich nur sagen, dass ich meine freie Zeit ausfülle mit kostenlosen Nachhilfestunden und Deutschunterricht, einem großen Gemüse- und Kräutergarten, mit der Herstellung von Cremes und Ölen. Darüber hinaus pflege ich meine Mutter (93), sodass sie nicht in einem Heim fremdverwaltet wird, sondern in ihrer gewohnten Umgebung bleiben kann. Alles nach der gängigen Beurteilung keine Arbeit, aber für mich als soziale Tätigkeiten überaus wichtig. Auf der exzessiven Suche nach mehr Geld geht der Zusammenhalt verloren sowie auch die Sicherheit, die damit verbunden ist, sich aufgehoben und zugehörig zu fühlen. Diese Sicherheit soll durch Reichtum, tote Werte, erreicht werden, was niemals gelingen kann.

    Liken

    1. Danke für diese Bestätigung meiner kaum vorhandenen Lebensweisheit und dafür, dass du deine Erfahrungen mit „unbezahlter“, schöner gesagt: deiner Herzensarbeit hier teilst; mir bist du auf jeden Fall jetzt schon ein Vorbild. Es tut außerdem gut zu lesen, dass nicht alle „gänzlich Erwachsenen“, denn als Lehrerin gehörst du da für mich dazu, meine Ausführungen als jugendlichen Unsinn abtun.

      Zum BGE kann ich leider nicht so viel sagen, außer dass weniger finanzieller Druck sicher mehr Kreativität schaffen kann, die einem die Faulheit ganz schnell von innen heraus austreibt (im Gegensatz zum äußeren Zwang Geld zu verdienen, der zwar fleißig macht, aber oft auch frustriert). Da ich aber nicht die größte Ahnung von der Wirtschaft habe und die Auswirkungen des BGE auf den Markt schlecht abschätzen kann (Kritiker sagen häufig, das treibe letzten Endes nur die Preise hoch und am Ende haben die Armen und auch die Mittleren wieder nichts und der reiche Rest noch mehr), setze ich mich nicht pauschal dafür ein, verfolge aber Experimente dieser Art mit großem Interesse.

      Dass uns ein tieferes Glück, die Geborgenheit und Zugehörigkeit zu allen, durch tote Werte, wie du sie nennst, verloren gehen, glaube ich auch; tote Werte sind außerdem ein guter Begriff dafür, finde ich. Den werde ich mir merken.

      Liebe Grüße sendet
      kolumnalpolitik

      Liken

      1. Die Zugehörigkeit zu den gänzlich Erwachsenen waren zu keiner Zeit mein Ziel Sind sie doch in der Regel diejenigen, die ihre Träume verraten haben und damit alles, was sie einst als richtig erkannt haben. All das für die Anpassung an die Anforderungen des Marktes, der ja letzten Endes nur ein menschliches Konstrukt ist. Und dann sind sie unglücklich und unzufrieden und jammern rum. Nur noch wenige verfügen über wirkliche Lebensweisheit. Meinem Umfeld gelte ich als ewiger Rebell, werde aber in der Regel genau dafür respektiert, gelobt und mein Mann bezeichnet mich liebevoll als Hippiemama, da ich meine Kinder mit Hingabe und aus Überzeugung frei und zu voller Verantwortung erzogen, ihren Weg nie vorgezeichnet habe. Habe sie ermutigt, nichts als gegeben hinzunehmen, alles zu hinterfragen und ihren eigenen Weg zu gehen. Jedes hat ihn gefunden, diesen Weg und sie sind glücklich in ihren unterschiedlichen Berufen. Sie geben diese Lebensweise auch an ihre Kinder weiter.
        Die Argumente gegen das BGE sind die gleichen, die schon gegen den Mindestlohn eingesetzt wurden. Sehr durchsichtig, soll doch die Profitmaximierung nicht gestört werden. Schon vor hunderten von Jahren wurde gewarnt: Gebt dem Volk keine Freiheit, es kann nicht damit umgehen. Der Untergang naht. In einem Roman setzt sich die Hauptfigur (18) in einem Tagebuch u.a. intensiv mit den Folgen von Hartz IV und BGE auseinander. Wenn du Interesse hast, schicke ich dir gerne den entsprechenden Auszug zu oder auch das ganze Tagebuch.
        Ich akzeptiere durchaus, wenn jemand viel Geld verdienen will, man sollte nur die eigenen Gründe hinterfragen, dies nicht auf Kosten anderer tun und mit seinem Wohlstand sozial verantwortlich umgehen. Es gibt durchaus Menschen, die das tun. Reichtum ist nicht verwerflich, der erwerb und Umgang damit kann es sein. Nun ja, ich werde wohl nie richtig erwachsen. Ein gutes Gefühl.

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  2. Erwachsen und Querdenker schließt sich ja zum Glück nicht aus, der Begriff Hippiemama bestätigt das ja direkt. Ich meinte bloß, dass du offenbar arbeitest und dabei für sehr viel mehr als nur dich selbst Verantwortung trägst. Das reicht bei mir schon um als erwachsen durchzugehen, lebe ich ja doch eher von Tag zu Tag und muss mich um kaum etwas wirklich dringend kümmern.
    Klar ist Reichtum an sich nicht verwerflich (auch wenn ich manchmal so klinge, als wär das meine liebste Parole), nur kann viel Geld auch etwas mit Menschen anstellen, die sonst vielleicht auf einem besseren Lebensweg gelandet wären. Das ist dann eben wieder diese Sucht, der unreflexierte Konsum.

    Das Buch klingt interessant, ist es von dir, oder wo hast du das her? Gern kannst du mir den Auszug schicken, denn in Romanform schau ich mir selbst wirtschaftliche Probleme doch gern an 😉

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