Über Vorurteile und Schmarotzertum

Ich habe Vorurteile. Gegenüber allen Menschen, die ich treffe. Diesen unschönen Wesenszug habe ich vor kurzem erst so richtig entdeckt. Ich habe nämlich noch einen weiteren: Schmarotzertum. Ich fahre bei fremden Leuten im Auto mit, ohne mich über eine dieser Apps anzumelden, also auch, ohne Geld zu zahlen. Dafür bezahle ich in Mirabellen, die ich wiederum irgendeinem halbtoten Landstrich im Osten geklaut habe. Da beschwer sich nochmal einer über kriminelle Ausländer.

Womit wir, liebe Leser, wieder beim Thema wären: (Ich trampe und) ich habe Vorurteile. Zum Beispiel gegenüber Anzugträgern, denn die nehmen uns ja eh nicht mit. Besonders, wenn man wie ich am dritten Reisetag schon ein wenig verwahrlost aussieht. Als ich mich aber dazu durchrang, mal einen solchen anzusprechen, lächelte der mich an: „Kommt, steigt ein!“ Ihr, das sind in diesem Fall: mein Freund und ich.

Die kalte Menschmaschine

 

Als wir bei ihm mitfahren, sprengt er dann ungefähr alle weiteren Vorstellungen, die ich von ihm und seinem Leben habe: Er unternimmt coole Campingtrips mit seinen Kindern, backt sein eigenes Brot und kümmert sich obendrein um ein ganzes Bienenvolk, das er in seinem Garten angesiedelt hat. Die kalte Menschenmaschine verwandelt sich vor meinen Augen in eine fürsorgliche, sympathische Person, deren einziger Fehler darin besteht, wie sie auf der Autobahn beschleunigt (nämlich zu stark).

Der Anzugträger ist längst nicht der Einzige, über den ich vorschnell urteile. Da wäre noch der Deutschrusse mit starkem Akzent und dickem BMW, den er uns als „die Kutsche vom Vatter“ vorstellt.  Obwohl kaum älter als wir, will er uns unbedingt Geld geben und dann noch Essen (ich sagte ja: ich sehe verwahrlost aus). Wir lehnen ab, aber ihm geht es um die gute Tat des Teilens an sich – das sei Philosophie, erklärt er uns.

Bone Crusher

 

Größeren Schrecken erlitt ich bei einer anderen Mitfahrgelegenheit: Als ich mich auf die Rückbank setze, erblicke ich einen Baseballschläger im Sitz vor mir. Der Schläger trägt die Aufschrift bone crusher, zu Deutsch: Knochenbrecher. Mir wird etwas mulmig, aber ich beruhige mich damit, dass ich im Zweifelsfall den Schläger besser erreiche als unser tätowierter Fahrer. Der fährt für uns extra einen Umweg und gibt uns am Ende noch Süßigkeiten. Ja, wir haben die gegessen. Nein, wir sind nicht gestorben. Hinterher fiel  uns nämlich auf: ganz anderer Stereotyp passt zwar sicher auch nicht genau, aber deutlich besser: Der amerikanophile 50er-Jahre-Typ, erkennbar an seinen Tattoos, dem Baseballzubehör, sowie seinem Kofferraum voll Beef Jerky und Milky Way.

Als letztes Beispiel soll mir und Ihnen ein Mann dienen, der uns siezte und zunächst forderte: „Beschreiben Sie Magdeburg in drei Sätzen!“ Wir fühlten uns wie beim Bewerbungsgespräch und erfuhren weiter: Der Typ segelt. Für mich ist das der Inbegriff der Spießigkeit, fehlte nur noch, dass er uns mit Golf und Aktien zulabert. Stattdessen wandte sich unser Gespräch um neunzig Grad: ums Segeln ging es immer noch, nun aber auch um alternative Ansätze, in Gemeinschaft zu leben. Der Mann lobpreiste geradezu unsere Zukunftspläne und empfahl meinem Freund, für einige Zeit in ein Auto zu ziehen (was der sowieso vorhatte). Er war total interessiert und konnte selbst spannend erzählen. Beim Aussteigen stellten wir fest: Das muss wohl die coolste Fahrt auf unserer Reise gewesen sein.

Schweißgebadet nach Schwäbisch-Hall

 

Kurioserweise verlief die schlimmste Fahrt genau umgekehrt. Einem positiven Eindruck – es lief Deutschlandfunk Kultur – folgte eine in vielerlei Hinsicht schweißtreibende Fahrt. Der Fahrer, der, so dachten wir, ein ruhiger Typ zu sein schien, zeigte im Auto seine wahre Schnauze: Er motzte nur so vor sich hin und überholte vor Kurven und Anhöhen gleichermaßen. Beinahe schlimmer fand mein Freund allerdings, dass wir ohne Lüftung bei dreißig Grad in dem Auto saßen. Als er den Fahrer fragte, ob wir mal lüften könnten, ließ dieser die Fenster herunter – um sie direkt wieder zu schließen. Als wir ausstiegen, sahen wir: Der Fahrer war genauso klatschnass wie wir. Wir dankten ihm artig und sahen zu, dass wir wegkamen – nur, ob uns jetzt noch wer mitnähme, bei dem Geruch?

 

Ich nehm‘ keine Anhalter mit!

Viele Autofahrer fürchten übrigens genau das: Dass wir stinken. Ich habe nämlich nicht nur bei mir selbst Vorurteile gefunden. Auch die Autofahrer haben viele Raster, Filter und Schubladen, durch die sie uns hindurch- oder hineinzwängen wollen. Einen alten Ossi konnten wir dabei überraschen. Nach zwei Stunden gemeinsamen Fahrens gestand er uns freudig: „Wenn ich dat ma so saaren darf: ick rieche euch noch nich!“
Ein anderer Mann sagte zu meinem Freund: „Ich nehm keine Anhalter mit“, aber als er mich sah, überlegte er es sich anders. Als Freund eines zarten Wesens wie mir wirkte er scheinbar weniger bedrohlich, zuvor hatte der Mann sich wohl ausgemalt, wie gefährlich ihm der allein reisende Kerl mit den langen Haaren werden könnte – womöglich hat er ein Messer dabei? Aber nein, da ist ja noch ‘ne Frau mit bei, hat also doch kein Messer. So oder ähnlich funktioniert wohl unser Gehirn, wenn wir Menschen einordnen wollen, und siehe da: Es passieren dadurch einige Fehler. (Ich hatte nämlich ein Messer dabei. Fürs Essen, wohlgemerkt.)

 

Kommt zusammen, Leute, lernt euch kennen!

– Rio Reiser

 

Indem wir auf die Autofahrer trotzdem zugegangen sind, konnten wir solche Fehler schnell ausmerzen und sie kennenlernen – und das hilft ungemein gegen den Hang zum vorschnellen Urteil! In den allermeisten Fällen wurden wir dabei positiv überrascht. Viele haben wir aber tatsächlich gar nicht erst gefragt – aus Angst, dass sie uns eh nicht mitnehmen. Manche sogar aus Angst, dass sie uns mitnehmen.

Überhaupt spielt Angst auf beiden Seiten die wohl größte Rolle, was Vorurteile angeht. Sie verhindert ein Kennenlernen. Und umgekehrt lässt Kennenlernen Ängste schwinden.

Um den Autofahren ihre Angst frühzeitig zu klauen, habe ich mir für die nächste Tramptour was ausgedacht: Ich mache ein Schild, das statt des Reiseziels die Aufschrift trägt: „Ich hab mehr Angst vor dir als du vor mir!“, und vielleicht in kleinere Schrift darunter: „Und ich habe heute schon geduscht.“

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