Kolumne 1/2020: Über Pappe, Avocados und den Weltuntergang

In einem Einkaufszentrum in meiner Stadt gibt es einen neuen Hipster-Pommesladen. Er nennt sich irgendwas mit Fritten (ist ja klar). Mein Freund wollte ihn neulich unbedingt aus der Nähe betrachten. Also sind wir hin und gafften eine Runde: er auf die Pommes, ich auf die Aufmachung des Ladens.

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Der Weg zum reinen Gewissen: Papiertüte und Avocado

Nicht wirklich positiv beeindruckt mich dabei die Naturähnlichkeit, die man seit drei Jahren überall findet. Die Tische sind aus irgendwas, was aussieht wie Massivholz, die Pommesschalen sind aus (Einweg-)Pappe, und so weiter. Das allein macht mich natürlich direkt wieder ein bisschen wütend: Diese ganzen Konsumopfer, die sich ihr reines Gewissen nur kaufen können, weil sie keine Ahnung haben, dass Einwegpapierprodukte auch bloß scheiße sind, sollen sie doch verrecken in dem Müll, den sie machen, blablabla, so rattert mein Gehirn. Zugegeben, ich musste auch vorher schon die Einkaufsmeile überqueren und wir stehen gerade gegenüber des Primark-Haupteingangs. Meine Nerven sind also überreizt und finden jetzt alle pauschal ziemlich blöd.

 

„Es gibt jetzt Fleisch mit CO₂-Ausgleich!“

 

Solche Situationen kenne ich gut, und deshalb weiß ich auch, was mir dann hilft: Ablenkung. Ich beginne also, die Karte zu studieren. Mittlerweile ist mein Freund da auch angekommen, er sagt:“ Guck mal, die wollen 3,80€ für ’ne Portion Pommes! Schade…“ und ich komme gar nicht drauf klar, dass man so wenig Kartoffeln für so viel Geld verkaufen kann, aber vielleicht sind ja die Beilagen der Hit. Ganz bestimmt sind sie das.

 

Der Laden preist auf der Karte auch noch Bowls an, er scheint die gesamte Hipsterie mitzumachen, die Deutschland kulinarisch befallen hat. Eine Bowl sticht mir besonders ins Auge, beinah erblinde ich: Fried Chicken & Avocado, wow. Ich höre mich zu meinem Freund sagen:“Cool, es gibt jetzt Fleisch mit CO₂-Ausgleich!“, weil Hähnchen das Tote-Tiere-Produkt mit der geringsten CO₂-Emission ist und Avocados extra eingeflogen werden. Mein nächster Gedanke ist nur, das ist so geistreich, das schreib ich mir auf. Allerdings fiel mir zu dem Zeitpunkt noch nicht auf, dass ich den Witz dann erklären würde, und er dann nicht mehr lustig wäre. Hier ist er trotzdem – bittesehr!

 

Wir sind doch alle nur Kinder, die mal ihren Spaß haben wollen!

 

Als wir aus dem Einkaufszentrum raus wollen, zeigt mein Freund auf eine Szene im Eingangsbereich. Es tummeln sich zwei Kinder, genauer: Sie rollen die Rampe runter, die eigentlich barrierefreies Shoppen ermöglichen soll. Ihr Vater steht daneben und blickt teils resigniert, teils desinteressiert in die Gegend, aber er schimpft  nicht – er lässt die Kinder einfach machen. Und die haben richtig Spaß!
Der Anblick der rollenden Kinder versöhnt mich unmittelbar mit allen Menschen im Universum. Sind wir doch alle nur Kinder, die mal ihren Spaß haben wollen!

Nur mein chronisch angepisster Öko-Anteil hält weiterhin dagegen: Die Kinder sind ja grade niemandem im Weg und schaden höchstens sich selbst – aber was, wenn gerade jemand den barrierefreien Eingang benutzen möchte? Oder wenn jemand über sie stolpert, und sich dadurch verletzt?

Ich bin mir sicher, dann würde der Vater aus seiner Trance erwachen und die Kinder sachte, aber doch bestimmt zur Ordnung rufen. Jetzt hoffe ich nur, dass das mit dem Pommes-Hipstern auch noch irgendwer macht.

5 Kommentare zu „Kolumne 1/2020: Über Pappe, Avocados und den Weltuntergang

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